Ein typischer Tag (23.10.09)
Jetzt kann ich einmal ne Stunde länger schlafen, aber was bewirkt meine innere Uhr? Dass ich um kurz vor 7 aufwache und nicht mehr einschlafen kann. Na toll!
Länger schlafen hätte ich deswegen heute können, weil ich nachher mein Visum verlängern möchte. Bin nun 60 Tage mit einem Touristenvisum im Land und eigentlich sollte es kein Problem darstellen dieses noch 2x für jeweils 30 Tage zu verlängern. Ein Bekannter hier wollte das selbe machen und war dementsprechend überrascht, als man ihm mitteilte, dass das Visum nicht verlängert werden könne. Warum? Gründe gibt’s nich. Lediglich die Aufforderung in zwei Tagen das Land zu verlassen! (Erst nach längerem Diskutieren hat er einen Aufschub auf sechs Tage erhalten) Deswegen hoffe ich, dass mich nicht das gleiche Schicksal ereilt und ich gezwungen in nach Hong Kong zu fliegen. Das gilt als Ausreise und von dort könnte ich ein neues Visum beantragen, aber das ganze kostet nur Zeit, Geld und Mühen.
Ok, nun ein typischer Tag meines Lebens in Qingdao.
Um 7 Uhr klingelt mein Handy. Wenn ich nicht schon vorher wieder aufgewacht bin, ertönen liebliche Klänge eines Klaviers, um mich in die harte Realität zu leiten. Ich denke daran wie arschkalt es in meinem Zimmer ist, versuche so viel Zeit wie möglich noch unter der wärmenden Decke zu verbringen, reiß mich dann aber doch zusammen und stehe auf. Die super lichtdurchlässigen Vorhänge werden zur Seite geschoben und einen Augenblick lang, betrachte ich die Gruppe älterer Senioren, die unten auf dem Platz ihre Morgengymnastik durchführt. Ich geh aus meinem Zimmer – immer wieder gespannt, ob heute ein oder sogar zwei Eier auf dem Tisch auf mich warten und mich vor die Frage stellen, ob ich es essen soll – und verschwinde im Bad. Nach meinen Cornflakes (玉米片) und einem gesunden Glas Vitamintablette, packe ich meine Sachen und geh los. An der Bushaltestelle erwartet mich gewohnheitsgemäß ein Haufen Chinesen, die alle erwartungsvoll in Richtung der herannahenden Busse blicken. Ich tue es ihnen gleich, steh aber etwas abseits und genieße die Musik meines mich überall hin begleitenden Freundes (Ipod). Nach nur 10 Minuten Fahrt steige ich an der Haltestelle Shandongtou (山东头) aus und mache am Reck vor unserem Gebäude noch ein paar Klimmzüge, wenn ich nicht wieder zu spät dran bin.
So bin ich also ab 8 oder 8:15Uhr an meiner Arbeits- bzw. Forschungsstätte. Meine Arbeitszeit unglaublich auflockernd ist das gelegentliche Spielen auf dem Klavier, was ich auch meistens morgens etwas tun kann, bevor unsere Kinder allmählich eintrudeln. Die Vormittage verlaufen je nach Unterrichtsplan unterschiedlich. Lediglich der Morgentanz mit anschließendem Spiel draußen sind fixe Tagespunkte. Mit chinesischer Kindermusik und einer Lehrerin an der Front sollen die Kinder zu den unmöglichsten Bewegungsabläufen motiviert werden. Man kann dabei manchmal wirklich nur den Kopf schütteln und sich fragen, wie zur Hölle man auf solche Bewegungen kommt. Nicht mal, wenn ich exakt das Gegenteil von dem machen würde, was ich als sinnvoll oder kreativ ansehe, würde dabei so etwas rauskommen. Der neue Tanz, den sie dem letzt begannen zu lernen, toppt das Ganze nochmal! Glücklicherweise wurde die CDs so schlecht behandelt, dass es Glück bedarf, dass die Musik ohne Sprünge abgespielt wird oder dass sie nicht komplett ausfällt. Auf den Plätzen um das Gebäude herum werden nun entweder gemeinsame Spiele veranstaltet oder den Kindern freien Lauf gelassen. Letzteres gibt uns Lehrern die Möglichkeit selbst etwas an den Recks, Ringen und sonstigem Gerät zu turnen. Jedoch natürlich nur, wenn die Sportgeräte von Anwohnern zweckentfremdet missbraucht wurden. In China ist es nämlich kein Problem seine Bettwäsche einfach irgendwo hinzuhängen, wenn zu Hause kein Platz dafür ist oder man sich davon einfach gestört fühlen würde. Deswegen hängen über den Reckstangen oder auf dazwischen gespannten Leinen immer wieder Decken und Handtücher.
Achja, ist die Offenheit und Ehrlichkeit von Kindern nicht angenehm? Ich beschwere mich zumindest nicht, wenn ich aus unterschiedlichen Richtungen „Wow, yingyu laoshi hao lihai!“ höre, während ich mich am Reck hochziehe oder sonst wo irgendwas Sportliches mache, was die Kinder von meinen Mädels nicht zu sehen bekommen. Ich bin halt einfach grandios und begabt, was der Satz übersetzt bedeutet ;-). Auf 11 Uhr geht es wieder zurück. Ich geb entweder Englisch-Unterricht oder warte bis halb 12. Dann gibt es Essen für die Kinder, die Plastikbetten werden aufgestellt, die Kinder wandern ins Bett und wir können endlich auch etwas zu uns nehmen. Das Essen ist meistens sehr lecker und dem fehlenden Geschmack wird einfach durch in Öl eingelegtes gehäckseltes Chili nachgeholfen. Zum Verdruss meiner Kolleginnen endet danach mein Arbeitstag und ich mach‘ mich auf den Weg nach Hause.
Den Nachmittag verbringe ich meistens zu Hause. Ich trinke Kaffee, schaue Serien bzw. Filme am Computer, lese (manchmal sogar für Ethnologie), schlafe oder lerne Chinesisch. Irgendwann um 18 Uhr rum kommen meine Gasteltern nach Hause. Wir essen was zusammen, ich geh danach noch ein bisschen raus (unter der Woche aber eher selten), telefoniere bzw. chatte mit Chinesen oder Freunden aus Deutschland oder mache eines der Dinge, die ich auch schon am Nachmittag gemacht habe. Zwischen 23Uhr und 24Uhr lege ich mich dann ins Bett, um am nächsten Morgen wieder fit sein zu können.
Noch ein paar Bilder.
Nr1: So sieht es in ner KTV Bar aus!
Nr2: Das ist nun also ein chinesischer Fahrplan, geil wa?
Nr3: Die Sportgeräte bzw. Wäscheständer vor unserm Kindergarten.
stefanreiss am 23. Oktober 09
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Meine schrecklich nette Familie (17.10.09)
Hab ich eigentlich schon irgendwas über meine Gastfamilie geschrieben? Nicht wirklich, oder? Weil ich grad kein Bock auf Arbeiten hab (wen wundert‘s) und die Mandarinen, die es in Waterworld nicht gab, so lecker waren, schreib ich mal wieder ebbs.
Meine Behausung in Qingdao befindet östlich des Fushans 浮山 an der oberen Spitze der Shenzhen Lu. Ich wohne in einem von vier Hochhäusern, die durch ein Tor mit Pförtner und Metallzäunen vom Rest der Gegend abgetrennt sind. Glücklicherweise gibt es einen kleinen Supermarkt, direkt zwischen den Gebäuden. Dieser führt, wie es scheint, so ziemlich alles, was man irgendwie einmal brauchen könnte und hat auch immer geöffnet. Zumindest brennt fast immer Licht, wenn ich aus dem Fenster schaue. Betrieben wird dieser Laden von mindestens zwei Jungs in meinem Alter etwa, die im hinteren Teil des Geschäftes ihre Schlafzimmer haben. Meistens hängen aber noch andere Leute mit ihnen rum und schauen Fernsehen, bis ein Kunde kommt. Ansonsten gibt es leider nicht viel in dieser Gegend. Alles „typische“ in China – Märkte auf der Straße, Glückspiel oder Karten zockende, alte Leute, viele kleine Restaurants, zu viele Menschen, Dreck und Friseure ;) – gibt es in dieser Gegend nicht. Lediglich Wohnblöcke und sehr breite Straßen. Ein paar noblere Etablissements gibt es unten an der Straße bei der Küste. Aber nicht so etwas, was man sonst von China kennt oder erwartet. Es ist halt eine neue, andere, Facette Chinas. Aber für meinen Geschmack fehlt hier das Leben (renao 热闹 im Fachgebrauch =P ).
Ich wohne mit meinen Leuten im fünften Stock eines dieser Gebäude. Obwohl schon seit über einem Jahr fertig gestellt, ist der Aufzug immer noch mit Platten als Schutz verkleidet. Fragt nicht warum. Und obwohl erst ein Jahr alt, sehen die Geländer auf dem Dach so aus, als würden sie schon Jahrzehnte vor sich hin rosten. Aber dazu ein andermal.
Unsere Wohnung ist groß, sauber und geschmackvoll chinesisch eingerichtet. Ich besitze mein eigenes Zimmer, das nur sehr selten zu dessen eigentlichen Gebrauch genutzt wird, nämlich als Büro. Die meiste Zeit bin ich für mich allein und nachdem ich mir Stauraum geschaffen, einige pottkitschig nutzlose Dinge in die Schränke entsorgt hab und mir eine kleine Pflanze gekauft habe, lässt’s sich hier auch recht gut leben! Naja, bis auf mein Rüschen-Schrank, an den ich mich aber auch schon gewöhnt habe.
Mein Gastvater (mit ihm beginnend, um der konfuzianischen Hierarchie-Entsprechung nachzukommen :-P ) arbeitet beim Finanzamt. Zumindest macht er irgendetwas mit Steuern und erklärte mir dabei auch, dass alle Leute dieser Hochhäuser sein Kollegen seien und auch dort arbeiten würden. Ob er nun allerdings tatsächlich alle vier Häuser meinte, weiß ich nicht. Mir käme das schon etwas viel vor, aber wundern tut mich in China nichts mehr so schnell, was Größendimensionen angeht. Er dürfte Mitte 40 sein und ist ein sehr netter Mensch. Hilfsbereit und andauernd am Lächeln.Wenn er nicht in der Küche ist oder sich was zum Trinken vom Wasserspender holt, seh‘ ich ihn sonst im Schlafzimmer, welches ich vom Esstisch gut im Blick hab, weil die Türen immer alle offen sind. Zumindest tagsüber. Meistens sitzt er dabei vor dem Computer und die meiste Zeit spielt er irgendein Internetspiel mit einem Teich und kleinen Booten. Bevor ich auszieh‘, sollte ich mir das nochmal genauer angesehen haben. Aber irgendwie isses ja süß ^^.
Meine Gastmutter ist 42 Jahre alt und arbeitet für eine Firma, die mit Solarpanels arbeitet. Oooohja, sie arbeitet also für eine dieser bösen Firmen, die den europäischen Markt mit spottbilligen Solaranlagen zu überschwemmen drohen. Sie ist auch sehr sehr nett. Man denke an die Obstschnittchen, die ich immer noch von ihr bekomme ;-).
Mein Gastbruder ist 18 und befindet sich augenblicklich im „Schwarzen Jahr“. So wird das letzte Jahr der Oberstufe genannt, bevor die Kiddies an die Uni dürfen. Um auf ein Uni zu kommen, muss man aber einen äußerst schwierigen Test bestehen und das ist genau, was sie in diesem Jahr machen. Schwarz heißt es entweder wegen der Assoziierung mit böse (schwierig) oder weil die Schüler die Sonne nicht sehen und zu Nachtmenschen geworden sind. Um 7Uhr morgens verlässt er das Haus und kommt abends um 22Uhr wieder zurück. Am Wochenende ist er auch jeweils für einige Stunden in privaten Lerngruppen unterwegs. Unglaublich krass, was diese Schüler leisten (müssen). Umso krasser wäre es, wenn deren Unterricht effizient aufgebaut wäre. Wir in Deutschland und vermutlich auch in den restlichen Ländern, könnten alle unsere Taschen packen. Doch dummweise müssen sie viel viel viel auswendig lernen und davon sehr viel Unsinn. Die Beschäftigung mit klassischen Werken in allen Ehren. Ich finde es gut, dass man sich damit beschäftigt und welche davon auswendig lernt. Wo aber bleibt der Sinn, wenn man in einem Jahr ein ganzes Buch davon auswendig lernen muss, Silbe für Silbe?! Ein weiterer Beleg für ein zu überarbeitendes Schulsystem ist die Tatsache, dass der englische Wortschatz oft groß ist, aber die Aussprache und Sprechfähigkeit sehr unterentwickelt. Naja, ich will es hier nicht grundlos schlecht machen. Unser Schulsystem ist auch nicht gut und außerdem ist es sicherlich sehr schwierig ein adäquates System für so eine Masse wie in China zu finden (im Westen mosern sie schnell über alles in China, aber mit solchen Dimensionen wie hier haben sie es bisher alle noch nicht zu tun gehabt). Aber was wäre bei so einer Motivation und Ausdauer alles möglich!
Ich bin mir grade wieder nicht sicher, ob ich von der Oma erzählt habe. Die kleine, bucklige Frau, mit dem schiefen Blick? Na, klingelts? Ich sprech‘ von der Mutter von ihr, die über die Oktoberfeiertage in unserer Wohnung verweilte. Die Augen immer halb zusammengekniffen und den Kopf zur Seite geneigt schlich sie hier halt so rum oder saß auf der Couch. Anfänglich war ich leicht eingeschüchtert von ihr. Nicht weil ich sie fast nicht verstand, sondern weil sie nie zu lachen schien. Irgendwann aber schaffte ich es ihr ein Lächeln zu entlocken. Wir trainierten zusammen und mit der Zeit schaffte sie es immer öfters. Ich schient akzeptiert worden zu sein und sie ist wohl doch nicht so ein Miesepeter (Oh Nein, die Gender-Aktivisten, ich seh‘ sie schon kommen. Ok ok, ich gebe auf, dann eben: Miesepetra).
An dieser Stelle fällt mir auch ein: Wieso wollen die mir alle Ei aufdrängen? In China wird morgens genauso deftig wie sonst gefrühstückt. Bei uns bsw. machen die sich immer gebratenes Ei und dazu Reis, Mantou und sonstiges Gemüse oder Fleisch. Seit knapp einen Monat ess‘ ich nun Cornflakes zum Frühstück, was diese auch wissen. Aber trotzdem bleiben immer ein oder zwei Eier am Tisch stehen, die wohl für mich zu sein scheinen. Zumindest weist mich mein Gastvater immer morgens, wenn er aus dem Haus geht mit einem schlichten Jidan (Ei) und einem Fingerzeig darauf hin, ich solle doch Ei essen. Das ist doch so lecker! (Das sagte er nicht wörtlich, aber er hat es mit den Augen gesagt!) Aus Pflichtgefühl, weil es extra für mich gemacht wurde, aß ich dann oft eins davon). Die Oma dann aber genauso. Sie schien es nicht zu verstehn, wieso man zum Frühstück nur diese gelben, Plättchen mit Milch essen kann, wenn auf dem Tisch so viele andere Dinge und vor allem Ei stehen! Um es dem armen Ausländer begreiflich zu machen, was er für einen Unsinn mache, wies sie mich auch mehrmals auf die anderen Gerichte des Tisches hin. Vor allem aber wieder auf das Ei. Oh Mann, was wollen die alle von mir ^^.
Mittlerweile ist diese Phase zum Glück vorbei und ich finde keine Reste mehr auf dem Tisch.
Für’s Ende noch ein kleines Schmankerl:
Ihr kennt alle den Mobilfunkprovider O2 ? O2 can do - und so weiter. Ich weiß zumindest jetzt schon, dass die mit diesem Namen niemals in China Fuß fassen können. Denn in ungefähr gleicher Aussprache gibt es folgende Zeichen: 呕吐 , was nichts anderes heißt als „Erbrechen; sich zu übergeben“ ^^.
stefanreiss am 17. Oktober 09
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Essen gehen mit Freunden (11.10.09)
Nun sind wir schon zum dritten Mal mit Bekannten, Kollegen oder alten Schulkameraden essen gegangen. Und wie es sich zu feierlichen Essen in China gehört, bedeutet das, viele verschiedene Gerichte und Alkohol. Weswegen ich bei jedem der Treffen einen leichten Schwips hatte. Sogar Wein wurde bisher jedes Mal aufgetischt, welcher aber so trocken und stark war, dass ich ihn nur notgezwungen trank und in Deutschland nie kaufen würde. Man trifft sich nun meistens in einem großen und guten Restaurant, welches in der Größe locker mit einem Hotel bei uns mithalten kann. Meistens besitzen diese Gaststätten großflächige Bereiche mit offenen Tischen und dann noch viele weitere abgetrennte Räume mit nur einem großen Tisch. In diesem reichlich verzierten Zimmer kann man ungestört die Freuden des Speisens genießen und hat seine eigene Bedienung, die dafür sorgt, dass es den Gästen an nichts mangelt. Sie serviert natürlich ganz ordinär die Gerichte, achtet darauf, dass die Gläser gefüllt bleiben (interessanter Weise ist es nicht unhöflich, wenn man komplett seine eigenen Getränke mitbringt!) und räumt grobe Essensreste und dreckige Teller parallel weg bzw. tauscht sie aus. Viele Gerichte bedeutet natürlich viel Auswahl, aber leider nicht unbedingt viel Freude. Denn unglücklicherweise bedeutet ungewöhnliches und besonderes Gericht nicht dass es auch lecker ist. Je spezieller, desto spezieller die Zutaten und der Geschmack. Seegurke zum Beispiel: eine kostenspielige Vorspeise. Schmeckt aber nach nicht viel und hat in etwa die Konsistenz von Gummibärchen mit glitschigen Inhalt. Als Gast hat man natürlich zudem das Glück immer alles probieren zu dürfen. Welch‘ eine Freude, vor allem wenn man schon vorher weiß, dass es eklig wird, aber man nicht unhöflich sein will. Hat es denn geschmeckt? Hmhm! (die gekreuzten Finger sind von der Tischdecke verborgen) Aber dass chinesische Fleischgerichte meistens mit viel Knochen oder Fett serviert, hab ich mich schon gewöhnt. Aber es ist trotzdem traurig, dass man nach einem so reichhaltigen Essen trotzdem hungrig nach Hause fahren kann.
Doch es gibt auch Gegenbeispiele, so wie die letzten beiden Male, an denen der Tisch auch zum Bersten bedeckt war und so gut wie alles äußerst lecker geschmeckt hat. Wenn solche Anlässe nicht immer so lange gehen würden. Auch in Deutschland besitze ich nicht so ein durchhaltefähiges Sitzfleisch, aber hier versteh‘ ich zudem nicht mal die Sprache. Ein einziges Zeittodschlagen, unterbrochen von andauerndem Aufstehen, wenn man sich anstößt. Noch schlimmer als in der Sonne beim Jani!
Kinder sind auch meistens dabei. Und jedes Mal dasselbe Spiel: Komm, sprich doch mal mit dem Ausländer Englisch. Ach, jetzt zier‘ dich nicht so. Setz dich doch neben ihn. Usw Manchmal ganz nett, kann es aber auch nervig sein. Der vielleicht neun- oder zehnjährige Junge, der heute neben mir saß, war ja eigentlich ganz nett. Er hat’s nie ganz gepeilt, dass ich ihn nicht verstehen kann oder ihm war es egal. Zumindest saß er ganz enthusiastisch mir gegenüber und erzählte mir die tollsten Geschichten, die er mit ausgelassener Gestik unterstrich. Nachdem ich aber nie an den richtigen Stellen nickte oder nachfragte, hätte er es eigentlich verstehen müssen. Dann wollte er mir aber chinesisches Schach erklären, aber anstatt den richtigen Figuren wollte er die Teller benutzen oder er malte die Objekte mit dem Finger an die Wand. Aber als das auch nicht klappte, sah ich mich mit ihm Pokemon-Karten spielen. Das jedoch auch ohne Erfolg, was vorerst sein letzter Versuch blieb. Erst die Spiele meines Ipods, den ich dummerweise aus der Tasche holte, faszinierten ihn wieder, weswegen ich einige Minuten meiner entspannenden Zeittodschlagerei (Achtung: Ironie!) opferte, um mit ihm zu spielen. Achja, nicht zu vergessen ist seine kleine Showeinlage mit Formen des Taekwondo. Dumm nur, dass ich das kann und somit erkannte, dass es ziemlicher Murks war, den er mir da zeigte ^^.
Nachdem ich erfolgreich gelangweilt von meiner Gastmutter erblickt wurde, fragte sie mich endlich, ob ich müde sei und nach Hause wolle. Danke, es gibt doch einen Gott! Ohne mit der Wimper zu zucken, nahm ich das Angebot an, schnappte mir meinen Ipod von dem Jungen und verschwand aus dem Zimmer. Unsere Wohnung lag zum Glück in Laufreichweite. Ich sah mich schon Kaffee trinkend eine Folge Lost sehend, als mich die bittere Erkenntnis traf, dass ich keinen Schlüssel dabei hatte! Was nun tun? Zurück wollte ich nicht, vor der Wohnungstür harren war auch keine gemütliche Idee. Deswegen ging ich in den neben uns befindlichen Supermarkt, kaufte mir eine Dose Nescafe und setzte mich auf eine Bank zwischen unseren Hochhäuser. Das bisschen grün darum herum lassen den Ort tatsächlich entspannend wirken. Leider hätte die Sonne ruhig stärker und öfter scheinen können und die Bank nicht so hart. Dann wäre vielleicht auch das Kopfweh von dem schrecklichen Wein schneller verschwunden ;-).
1 ½ Stunden später konnte ich endlich in die Wohnung. Und was mache ich nun? Richtig! Kaffee trinken und eine oder vielleicht auch zwei Folgen Lost schauen. Was ich nun auch wieder tun werde. Ich warte gerade lediglich darauf, dass der Wasserspender genug warmes Wasser hat, damit ich keinen kalten Kaffee trinken muss.
Alles Gute und viele Grüße an meine Schwester, die heute Geburtstag hat! Happy Birthday oder wie die Chinesen sagen würden: 生日快乐! (sheng ri kuai le)
stefanreiss am 11. Oktober 09
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