Ausnahmezustand Beijing (Fr, 28.08.09)
Oh Leute, meine Haare an den Waden sind immer noch zerstört. Vor zwei Tagen dachten wir uns eine Fußmassage zu gönnen. Nachdem es schien, als müsste die Masseurin extra geholt werden (denn eigentlich war es ein Friseur), weil um 23Uhr niemand mehr damit zu rechnen schien, waren die beiden erstmal mit der Menge unserer Beinhaare beschäftigt. Im Zuge dessen nahm mein Masseur zu wenig Öl und das machte sie vor allem dann bemerkbar, wenn er wild mit den flachen Händen die Waden entlang rieb. Aber so kräftig und schnell, dass es weh tat und überall zwickte. Doch ich wollte nicht rumjammern und außerdem fielen mir nicht die richtigen Vokabeln ein, um ihm mein Leid zu beschreiben. Also biss ich die Zähne zusammen. Naja und bisher sieht man immernoch die roten Überreste. Mein Waden sehn so aus, als hätten sie mords viele Pickel, danke! Aber immerhin sieht man diese Punkte nicht so sehr, weil ich ja so viele Haare habe ;).
Den Tag verbrachte ich mit Daniel, in dem wir planlos durch die Stadt irrten, auf der Suche nach leckerem Essen, Kaffee und einem Park. Unser Weg brachte uns auch in ein Viertel, in welchem man nur Botschaften findet. Alles sehr sauber, keine Händler und nur große, bewachte und mit Stacheldraht eingezäunte Gebäude.
Am Abend waren wir bei Jinge zum Essen eingeladen, einem Chinesen, den wir aus Freiburg kennen. Bei diesem erfuhren wir, dass man heute auf der Hauptachse der Stadt, der Straße, die direkt an der Verbotenen Stadt und dem Tiananmen vorbeigeht, die Parade für den Nationalfeiertag proben würde. In der ersten Oktoberwoche wird jedes Jahr eine ganze Woche lang die Staatsgründung der Volksrepublik China gefeiert. Das war diese Goldene Woche (oder Psycho-Woche-weil-ALLE-Chinesen-Urlaub-machen), in der ich das erste Mal mit Chantal und ihrer Schwester durch die Lande zog, falls ihr euch erinnert. Dieses Jahr wird der 60ste Geburtstag gefeiert und die Parade wird einmal durchgespielt. Deswegen war es nicht mehr möglich die Hauptachse, die sich direkt in der Mitte der Stadt befindet, mit dem Auto zu überqueren. Da auch eine Metrolinie gesperrt wurde, waren wir kurzerhand gezwungen 1,5h nach Hause zu laufen. Dadurch konnten wir aber in Ruhe die Straßensperren und Hunderte von Polizisten beobachten. Zusammenfassen gesagt: Ausnahmezustand in Beijing! Wenn wir den Dingen, die uns Jinge erzählt hat, geglaubt hätten, hätten wir um unser Leben fürchten müssen, wenn wir dem Treiben zu nahe kommen und es stören wollen. Aber so schlimm war's dann doch nicht. Jedoch übertrieben sie schon ein wenig, meiner Meinung nach.
Blöderweise war auch die gesamte Straße, in der ich wohne, abgesperrt und alle 25 Schritte stand ein Polizist. Hoffentlich würden die mich am Ende überhaupt wieder rein lassen ^^. Allein an der Kreuzung, an der die Sperrung dieser Seitenstraße endete, standen über 50 Polizisten! Also das war ja 500m von der Hauptachse entfernt. Dadurch könnt ihr euch die Ausmaße vielleicht besser vorstellen. Während wir auf dem Weg zum Sanlitun (dieser Gegend mit den vielen Bars) waren, bekamen wir schon die erste Gruppe der Parade zu sehen und ehe man sich versah war die GESAMTE Straße von Menschen gefüllt. Diese Parade im Oktober muss wirklich ein riesiges Spektakel sein und ungleich allem, was man in Europa zu sehen bekommt. Nach einer weiteren halben Stunde laufen, weil wir kein Taxi fanden, ging es endlich in die Barblue, unsere Barblue, die uns schon im März glückliche Stunden bereitet hat. Ein netter Abend unter Ausländern, ist mein Resumee. Eine Sprachschule mit 100 Leuten war an diesem Abend zu Gast und dadurch waren wir Ausländer definitiv in der Mehrheit. Ein etwas seltsames Gefühl.
Noch seltsamer war allerdings eine Frau, die wir danach auf der Straße kennen lernten. Eine Koranerin, die wegen ihrer behandelten Zähne nicht sprechen konnte und sich deshalb nur mit Zeichensprache und Bildern auf einem Block kommunizierte. Sie konnte auch nur wenig Chinesisch, deshalb schrieb sie auch selten Sätze. Zudem war sie schon recht knülle, wollte aber trotzdem, dass wir ihr was zum Trinken oder essen bestellten. Sie war schon über 50 nehm ich an. Das ganze kam mir so surreal vor und ich hatte auch keine Lust auf sie, aber Daniel spielte mal mit und "unterhielt" sich mit ihr. Etwas schwer zu beschreiben alles, deswegen häng ich euch ein Bild von so einer Notiz an, damit ihr selbst seht, wie seltsam das alles war.
Nach Hause kam ich aber ohne Probleme, falls euch das noch interessieren sollte.
Die Bilder:
Man beachte meine hübsche Snoopy Bettdecke ;) und dieses komische Gesicht mit den vielen Strichen links und rechts der Augen. Das hatte sie mehrmals gezeichnet...*kopfschüttel*
PS: Ich hab in nem alten Beitrag noch paar Bilder angehängt.
stefanreiss am 29. August 09
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Ich habe ein Handy! (Do, 27.08.09)
Jonathan faehrt heute 20h nach Wudang, wofuer ich ihn zum Westbahnhof brachte. Wenn sonst nicht, hatte er wenigstens dort sein Gewusel und die Groesse, die er von einer Grossstadt erwartete. Ein unglaubliches Gebaeude, was die Architektur und die Groesse angeht. Leider konnte ich ihn nur bis zur Tuer begleiten, wovor die Tickets kontrolliert wurden. Um 17Uhr fuhr er, da war davor recht wenig Zeit fuer groessere Dinge hatte, gingen wir in den Beihai Park - der aeltesten kaiserlichen Gartenanlage Chinas. Dieser liegt direkt neben der Verbotenen Stadt und besitzt eine jahrtausend alte Tradition. Es wurde kuenstlich ein See, Berg und Hoehle angelegt und man kann zwischen Lotus, Wacholder, Zypressen etc lustwandeln und den Ausblick ueber Beijing von der Weissen Pagode geniessen. Ein schoener Park, auch wenn sich manche Zusatzeintritte mal wieder nicht lohnten ^^.
Nachdem ich Jonathan am Bahnhof absetzte, traf ich mich mit Daniel an einer Metrostation. Auch wenn es auf der Karte mal wieder sehr einfach aussah, war ich nicht in der Lage die Metrostation zu finden. Erst ein wieder ultra netter Chinese, der, wie es scheint, extra nur wegen mir mitlief und mir den Weg zeigte. Wieder einmal wirklich bewunderndswert, da es mindestens 10min in die verkehrte Richtung seines Weges ging. Ich konnte mich nur mehrmals herzlich bei ihm bedanken. Nach gutem koreanischem Essen, welches ich in Deutschland schon vermisste, und einem hin und her in den Handyladen, entschied ich mich endlich fuer eines. Zur naeheren Auswahl standen ein Lenovo (Chinas bester Marke) mit Touchscreen, der Moeglichkeit Zeichen auf das Display su schreiben und zwei Simkarten parallel zu nutzen. Beides Vorteile, die mir die Wahl nicht leicht machten. Dafuer sieht das Handy an sich vom Design her eher mittelmaessig aus und auch das Menue innendrin eher billig. Die Alternative waren Markengroessen wie Sony Ericcson, Nokia etc, bei denen man weiss, was man hat, bei denen die Garantie leichter sein wird, die jedoch auch teurer sind. Ich entschied mich letztenendes fuer ein Sony W302, dem selben, was Ahmet hat, nur in weiss. So viele SMS in Chinesisch schreibe ich nicht, als dass ich unbedingt diese mit einem Stift eingeben muesste. Und mir war es mehr wert ein gutes Gefuehl zu haben, jedes Mal, wenn ich das Handy in die Hand nehmen und zu merken, dass man wirklich ein edles Geraet und Qualitaet in den Haenden haelt. Runtergehandelt haben wir natuerlich kraeftig. Eine Handynummer, unter der man mich erreichen kann, werde ich jedoch erst am So besitzen.
Nachdem dieser Teil nun endlich abgehakt war, gingen wir noch einmal in den Houhai (Bar) District, um den Abend mit Cocktails ausklingen zu lassen.
stefanreiss am 28. August 09
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Himmelstempel, Houhai ... (Mi, 26.08.09)
Morgen reist Jonathan weiter nach Wudang. 20h Zugfahrt hat er vor sich *hehe* ^^. Um endlich mal Schlaf nachzuholen, sind wir um 12 Uhr erst aufgestanden. Bevor wir in die Stadt zogen, besorgte ich mir aber erst das Ticket nach Qingdao. Wieso ich aber statt 30Kuai Buchungsbeguehr ganze 100 zahlen sollte und weswegen auf der Quittung nur 30.- steht, bleibt mir ein Raetsel. Ich hab die Quittung zu spaet gecheckt und die Ausreden der Buchungsfrau waren doch sehr suspekt. Aber wie soll man argumentieren, wenn man es nicht 100% weiss? Vermutlich werde ich in Zukunft doch wieder die Tickets selbst besorgen oder vorher alles genau checken. Tickets kaufen in China ist aber nunmal die Hoelle! Aber nach diesen vier Monaten, sollten meine Chinesisch-Kenntnisse ausreichend sein :).
In der beruehmtesten Einkaufsstrasse Chinas - der Wangfujing - trafen wir uns mit Daniel, den ich damals in Dalian kennen lernte, mit dem wir ein bisschen einkauften. Als dieser etwas anderes vor hatte, machten wir uns auf in Richtung Himmelstempel. Auf dem Weg zur Metro trafen wir einen netten Chinesen, der uns in Englisch ansprach. Nach einem netten Palaber - er sprach sehr gutes English - stellte sich heraus, dass er seit 10Jahren Kalligrafie studiere und in ner Woche fuer 10 Tage nach Muenchen fahre, um dort einen Intensivkurs anzubieten. Er lud uns in sein Buero ein, um dort unsere Namen in Kalligrafie zu schreiben. Um so eine Chance nicht ungenutzt zu lassen, gingen wir mit. In dem Buero hingen ueberall an den Waenden Bilder, es gabe eine Couch und einen Schreibtisch mit ein paar Schreibutensilien. Er war ein wirklich netter junger Mann (23) und zeigte uns nach unseren Namen die Werke seiner Kunst und diese waren wirklich unglaublich. Eigentlich perfekte Kunstwerke in verschiedenen Stilen chinesischer Malerei. Aber er mache dies ja auch schon seit 10 Jahren, erwiderte er, als ich es kaum glauben konnte. Doch wie es kommen musste, bemerkte er dann nebenbei, dass man diese Bilder auch kaufen koenne. "Aha..., ok." Jonathan kaufte am Ende zwei davon. Aber zurueck bleiben zwar schoene Bilder, aber ein fahler Nachgeschmack, ob es nicht nur Kunstdrucke seien. Vor zwei Jahren noch haette ich NIE und nimmer auch nur einen Gedanken daran getan, dass dies vielleicht ein vorgetaeuschtes Spiel waere. Aber mittlerweile kenne ich so viele Geschichten, dass ich mir dies leider vorstellen kann. Vor allem, weil ich ihn bat, mir doch einmal einen kleinen Mann, wie er auf einem seiner Bilder zu sehen war, zu zeichnen. Ich wollte dies nicht nur als Test, sondern einfach, weil ich es gerne gesehen haette. Aber nachdem er erstmal meinte, er haette nicht das richtige Papier und dass es mit Pinseln nicht ginge, behauptete er, dass er dazu benoetigte Stift nicht hier sei, sondern in seiner Schule. Alles klar, wir sitzen also in seinem Buero FUER die Schule, in dem auch seine Lehrerin rumlungerte, aber wir sollen glauben, dass es in diesem nicht so einen Stift geben soll?
Also wie gesagt, ich weiss nicht. Letztendlich sind die Bilder ja schoen, aber ueberteuerte Kunstdrucke zu kaufen und angelogen zu werden, ist halt nicht so prickelnd. Aber wenn die Geschichte tatsaechlich Show war, dann war es eine perfekte inszenierte mit sehr glaubwuerdigen Schauspielern.
Der Himmelstempel war in Ordnung. Das war der Ort, an dem der Kaiser frueher einmal im Jahr dem Himmel geopfert hat, um fuer eine gute Ernte zu bitten. Eine riesige Parkanlage mit einigen Tempeln und Gebaeuden. Interessant waren die aelteren Menschen, die sich die Zeit im Park mit Kartenspielen oder Musikinstrumenten vertreibten. Einer der aelteren Maennder setzte sich direkt von seinem Rollstuhl auf die Bruestung und begann damit seine Mundorgel (im Ernst, das Geraet besass kleine Orgelpfeifen) zu spielen. Beim Weitergehen aber zweifelte ich an seiner Rollstuhlgebundenheit, weil er aufstand und sich an der Saeule zu dehnen begann.
Der Hoehepunkt des Tages jedoch war der Houhai District, einem Gebiet um einen See gelgen, dass sich zum Szeneviertel mit Bars, Discotheken und kleinen Laedelchen entwickelt hat. Eine so unglaublich schoene und coole Gegend! Alles ist bunt, verpackt in Gebaeuden mit altem Stil, der See liegt zur einen Seite, Bars mit Sofas vor der Tuer auf der anderen. In 3/4 der Bars spielen Bands Livemusik, man kann teilweise auf dem Dach sitzen und im hinteren Bereich gibt es Souvenirlaeden, die jedoch nicht den normalen Plunder anbieten, sondern zum Teil selbstgemachte, individuelle Kleinigkeiten und das zudem zu angemessenen Preisen. Vor allem Jonathan war nicht mehr zu halten und gab so gut wie sein ganzen restliches Geld aus. Schmuck fuer die Freundin, Tshirts, Postkarten, Schachspiel etc etc fuer ihn. Fuer einen Siegelstempel, konnte ich mich jedoch auch begeistern. Siegelstempel haben in China eine Jahrhunderte alte Tradition. Fuer nur 45Kuai liess ich mir meinen chinesischen Namen auf so einen ritzen, der auf der Oberseite einen kleinen Tiger besass - mein Symbol im chinesischen Horoskop. Jonathan war danach aber immer noch nicht so bremsen. Deswegen nennt er nun einen gruenen Laserpointer sein eigen. Aber hey, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so einen starken gesehn. Alles bisherige verpufft im Nichts. Ich bin immernoch ueberwaeltigt von der Reichweite, wenn ich an diese denke. Gleichzeitig erschreckt mich es, wenn ich mir vorstelle, diesen ins Auge zu kriegen!
Nachdem wir ungefaehr acht Taxifahrer fragen mussten, ob sie den Weg kannten oder ob sie uns fahren wuerden, wurden wir endlich nach Hause gebracht.
stefanreiss am 27. August 09
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