Reisen kann so angenehm sein. Das gilt besonders, wenn man mit einem Nachtzug unterwegs ist, selbst wenn man dadurch die doppelte Länge benötigt. In 10h fuhren wir nach Dali. Die Stadt ist heute zweigeteilt und besteht zum einen aus einer neuen Stadt und einem alten, ummauerten Teil, der früher die Hauptstadt des Reiches der Nanzhao war. Zwischen 750 und 1254 war Nanzhao ein unabhängiger Staat mit großen Goldvorkommen. Bis ins 13. Jahrhunderten konnten sie sich den Kaisern Chinas widersetzen, was vor allem auch auf die Unterstützung der Landbevölkerung zurückgeht. In im lebte eine Mischbevölkerung aus Tibetern, Thai, Chinesen und im speziellen die heutigen chinesischen Minderheiten der Bai und Yi. Die Architektur der Bai stellt im heutigen Dali auch eine Hauptattraktion dar, neben drei großen Pagoden und dem Erhai See.
Der Komplex ist, wie es wohl auch Lijiang sein wird - dem großen Konkurrenten, wenn man hier in der Gegend reist - im Grunde genommen eine Aneinanderreihung von Geschäften und Cafes. Dafür wurden die Hauptachsen und Seitengassen perfekt restauriert. Es mag Ansichtssache sein, ob man das gut. Aber es wurde wirklich schön umgesetzt. Rote Lampions säumen neben hübschen Laternen den Weg. Es fließen Bächle und die kunstvoll verzierten Holzfassaden der Häuser werden effektvoll mit gelben Licht in Szene gesetzt. Es gibt eine große Auswahl an Einkaufsmöglichkeiten, darunter viel Schmuck und Holzarbeiten, was oft auch vor den Hütten gefertigt wird. Doch vor allem sind die vielen Cafes zu erwähnen, welche durch ihre Kreavität, Originialität und liebevollen Details glänzen.
Nach einer etwas längeren Suche, fanden wir eine Übernachtungsmöglichkeit vor den Toren der Stadt. Obwohl die Auswahl groß ist, fanden wir einige Hostels nicht oder sie waren noch zu (wir kamen an, als es noch dunkel war) oder sie gefielen uns nicht. Vor allem ein Chinese, der uns zu zick verschiedenen Hotels geschleppt hat (die zwar alle schön waren, aber halt zu teuer, weil wir so viel Platz nicht brauchten) hat uns irgendwann genervt. Unser jetztiges Hostels ist zwar nicht überragend (sanitäre Einrichtungen draußen, Klo nur ein Loch im Boden), aber dafür kostet es nur 15RMB. Das Bett ist weich, wir haben unser eigenes Zimmer (ein Bett steht leer), es gibt kostenloses Internet und das Personal ist nett. Für die Schönheit oder angeneehme Atmosphäre gibt es lediglich für den grünen, üppig bewachsenen Innenhof ein Plus. Trotz allerdem spielen wir mit dem Gedanken in ein anderes Hostel umzuziehen.
Wir verbrachten den Tag heute ausschließlich in der Stadt. Zwar bekamen wir ein super Reitangebot für den nebenanliegenden Berg, aber uns erschienen die Pferde nicht gut gepflegt genug und außerdem wirkten die Männer seltsam und fordernd. Durch einen Gratiskaffee angelockt, saßen wir in einem der vielen Cafes, als wir ein österreichisches Pärchen kennen lernten. Es stellte sich heraus, das der Mann Bernhard Möstl war, Autor eines Bestsellers von 130.000 Exemplaren und zwei weiteren Büchern. Zudem bereiste er schon 140 Länder dieser Welt - ich wusste gar nicht, dass es so viele gibt ^^. Ein unheimlich interessantes Gespräch mit den beiden, wodurch die Zeit wir im Fluge verging und schon die Sonne hinter den Bergen verschwand, als wir uns trennten. Er war außerdem der erste, der uns in der Wahl von Ethnologie und/auch im Zusammenhang mit Sinologie bestärkte und die Zukunft darin sehe. Für ihn sei es ein unausweichlicher Weg die Asiaten im Allgemeinen genauer zu betrachten und von ihren Stärken zu lernen.
Wir saßen dort so lange, dass auch einige skurille Individuen auftauchten. Zum einen waren da die zwei Drogenfrauen. Alte, runzlige in Tracht gekleidete Frauen, die genauso aussahen wie die Frauen, die Schmuck verkauften. Doch diese beiden schlenderten langsam, mit einem süßen Lächeln zu dir hinrüber, lehnten sich etwas in deine Richtung und flüsterten: "Smoking Hashish?" Ich konnte nicht anders als lachend abzulehnen, weil ich eigentlich kurz davor war die Frau abzuwimmeln, schließlich brauche ich keinen Schmuck. Als wäre nichts gewesen und ohne ihr Lächeln abzunehmen, schlenderte sie davon. Man sollte wissen, dass das der Umgang mit Marihuana in China verboten ist und mit der Todesstrafe geahndet werden kann. Und dann war da noch dieser Mann, der einfach auf der Straße stand und eine Geschichte zu erzählen schien. Doch niemand hörte ihm zu und er verlangte auch kein Geld dafür. Über eine Stunde stand er dort und laberte vor sich hin. Zwischendurch gab er auch Gesangseinlagen, die er plötzlich, mitten im Ton, unterbrach und weiterredete, als würde er die Szene erklären. Unheimlich skurril und jedes Mal, wenn ich zu ihm rüberschaute, schaute er mich auch an. Selbst wenn ich unscheinbar nur die Augen zu ihm bewegte, schien er es zu merken. Dabei fixierte er mich, hörte aber nicht auf zu Sprechen, wodurch der Eindruck erschien, als würde er mit "mir" reden.
Ein fauler, aber sehr schöner Tag. Einzig allein die Tatsache, dass ich mein Handy nicht mehr finden kann, verdirbt mir die Laune. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich es im Hostel in Kunming das letzte Mal nutzte. Danach hab ich keine Erinnerung mehr. Fakt ist: Ich finde es nicht und auch dem Kunminger Hostel wurde nichts abgegeben. Anrufen bringt auch nichts, weil es ausgeschaltet zu sein scheint. Ich hab' keinen blassen Schimmer. Im Zug verloren werde ich es aber nicht haben, weil wir nochmal unsere Betten vorm Ausstieh absuchten. Ich hoffe nun, dass es vielleicht in meiner großen Tasche liegt, die ich in Kunming zurück ließ, auch wenn ich es mir nicht vorstellen kann. Wäre halt total doof, weil ich erst gerade gekauft hatte und es auch nicht billig war.
Bild 1: Eine Gasse von nem Cafe aus
Bild 2: Man sieht den skurillen Kerl ganz link und die zwei Drogenomis auf dem Bänkle im Hintergrund sitzend.