Meine schrecklich nette Familie (17.10.09)
Hab ich eigentlich schon irgendwas über meine Gastfamilie geschrieben? Nicht wirklich, oder? Weil ich grad kein Bock auf Arbeiten hab (wen wundert‘s) und die Mandarinen, die es in Waterworld nicht gab, so lecker waren, schreib ich mal wieder ebbs.
Meine Behausung in Qingdao befindet östlich des Fushans 浮山 an der oberen Spitze der Shenzhen Lu. Ich wohne in einem von vier Hochhäusern, die durch ein Tor mit Pförtner und Metallzäunen vom Rest der Gegend abgetrennt sind. Glücklicherweise gibt es einen kleinen Supermarkt, direkt zwischen den Gebäuden. Dieser führt, wie es scheint, so ziemlich alles, was man irgendwie einmal brauchen könnte und hat auch immer geöffnet. Zumindest brennt fast immer Licht, wenn ich aus dem Fenster schaue. Betrieben wird dieser Laden von mindestens zwei Jungs in meinem Alter etwa, die im hinteren Teil des Geschäftes ihre Schlafzimmer haben. Meistens hängen aber noch andere Leute mit ihnen rum und schauen Fernsehen, bis ein Kunde kommt. Ansonsten gibt es leider nicht viel in dieser Gegend. Alles „typische“ in China – Märkte auf der Straße, Glückspiel oder Karten zockende, alte Leute, viele kleine Restaurants, zu viele Menschen, Dreck und Friseure ;) – gibt es in dieser Gegend nicht. Lediglich Wohnblöcke und sehr breite Straßen. Ein paar noblere Etablissements gibt es unten an der Straße bei der Küste. Aber nicht so etwas, was man sonst von China kennt oder erwartet. Es ist halt eine neue, andere, Facette Chinas. Aber für meinen Geschmack fehlt hier das Leben (renao 热闹 im Fachgebrauch =P ).
Ich wohne mit meinen Leuten im fünften Stock eines dieser Gebäude. Obwohl schon seit über einem Jahr fertig gestellt, ist der Aufzug immer noch mit Platten als Schutz verkleidet. Fragt nicht warum. Und obwohl erst ein Jahr alt, sehen die Geländer auf dem Dach so aus, als würden sie schon Jahrzehnte vor sich hin rosten. Aber dazu ein andermal.
Unsere Wohnung ist groß, sauber und geschmackvoll chinesisch eingerichtet. Ich besitze mein eigenes Zimmer, das nur sehr selten zu dessen eigentlichen Gebrauch genutzt wird, nämlich als Büro. Die meiste Zeit bin ich für mich allein und nachdem ich mir Stauraum geschaffen, einige pottkitschig nutzlose Dinge in die Schränke entsorgt hab und mir eine kleine Pflanze gekauft habe, lässt’s sich hier auch recht gut leben! Naja, bis auf mein Rüschen-Schrank, an den ich mich aber auch schon gewöhnt habe.
Mein Gastvater (mit ihm beginnend, um der konfuzianischen Hierarchie-Entsprechung nachzukommen :-P ) arbeitet beim Finanzamt. Zumindest macht er irgendetwas mit Steuern und erklärte mir dabei auch, dass alle Leute dieser Hochhäuser sein Kollegen seien und auch dort arbeiten würden. Ob er nun allerdings tatsächlich alle vier Häuser meinte, weiß ich nicht. Mir käme das schon etwas viel vor, aber wundern tut mich in China nichts mehr so schnell, was Größendimensionen angeht. Er dürfte Mitte 40 sein und ist ein sehr netter Mensch. Hilfsbereit und andauernd am Lächeln.Wenn er nicht in der Küche ist oder sich was zum Trinken vom Wasserspender holt, seh‘ ich ihn sonst im Schlafzimmer, welches ich vom Esstisch gut im Blick hab, weil die Türen immer alle offen sind. Zumindest tagsüber. Meistens sitzt er dabei vor dem Computer und die meiste Zeit spielt er irgendein Internetspiel mit einem Teich und kleinen Booten. Bevor ich auszieh‘, sollte ich mir das nochmal genauer angesehen haben. Aber irgendwie isses ja süß ^^.
Meine Gastmutter ist 42 Jahre alt und arbeitet für eine Firma, die mit Solarpanels arbeitet. Oooohja, sie arbeitet also für eine dieser bösen Firmen, die den europäischen Markt mit spottbilligen Solaranlagen zu überschwemmen drohen. Sie ist auch sehr sehr nett. Man denke an die Obstschnittchen, die ich immer noch von ihr bekomme ;-).
Mein Gastbruder ist 18 und befindet sich augenblicklich im „Schwarzen Jahr“. So wird das letzte Jahr der Oberstufe genannt, bevor die Kiddies an die Uni dürfen. Um auf ein Uni zu kommen, muss man aber einen äußerst schwierigen Test bestehen und das ist genau, was sie in diesem Jahr machen. Schwarz heißt es entweder wegen der Assoziierung mit böse (schwierig) oder weil die Schüler die Sonne nicht sehen und zu Nachtmenschen geworden sind. Um 7Uhr morgens verlässt er das Haus und kommt abends um 22Uhr wieder zurück. Am Wochenende ist er auch jeweils für einige Stunden in privaten Lerngruppen unterwegs. Unglaublich krass, was diese Schüler leisten (müssen). Umso krasser wäre es, wenn deren Unterricht effizient aufgebaut wäre. Wir in Deutschland und vermutlich auch in den restlichen Ländern, könnten alle unsere Taschen packen. Doch dummweise müssen sie viel viel viel auswendig lernen und davon sehr viel Unsinn. Die Beschäftigung mit klassischen Werken in allen Ehren. Ich finde es gut, dass man sich damit beschäftigt und welche davon auswendig lernt. Wo aber bleibt der Sinn, wenn man in einem Jahr ein ganzes Buch davon auswendig lernen muss, Silbe für Silbe?! Ein weiterer Beleg für ein zu überarbeitendes Schulsystem ist die Tatsache, dass der englische Wortschatz oft groß ist, aber die Aussprache und Sprechfähigkeit sehr unterentwickelt. Naja, ich will es hier nicht grundlos schlecht machen. Unser Schulsystem ist auch nicht gut und außerdem ist es sicherlich sehr schwierig ein adäquates System für so eine Masse wie in China zu finden (im Westen mosern sie schnell über alles in China, aber mit solchen Dimensionen wie hier haben sie es bisher alle noch nicht zu tun gehabt). Aber was wäre bei so einer Motivation und Ausdauer alles möglich!
Ich bin mir grade wieder nicht sicher, ob ich von der Oma erzählt habe. Die kleine, bucklige Frau, mit dem schiefen Blick? Na, klingelts? Ich sprech‘ von der Mutter von ihr, die über die Oktoberfeiertage in unserer Wohnung verweilte. Die Augen immer halb zusammengekniffen und den Kopf zur Seite geneigt schlich sie hier halt so rum oder saß auf der Couch. Anfänglich war ich leicht eingeschüchtert von ihr. Nicht weil ich sie fast nicht verstand, sondern weil sie nie zu lachen schien. Irgendwann aber schaffte ich es ihr ein Lächeln zu entlocken. Wir trainierten zusammen und mit der Zeit schaffte sie es immer öfters. Ich schient akzeptiert worden zu sein und sie ist wohl doch nicht so ein Miesepeter (Oh Nein, die Gender-Aktivisten, ich seh‘ sie schon kommen. Ok ok, ich gebe auf, dann eben: Miesepetra).
An dieser Stelle fällt mir auch ein: Wieso wollen die mir alle Ei aufdrängen? In China wird morgens genauso deftig wie sonst gefrühstückt. Bei uns bsw. machen die sich immer gebratenes Ei und dazu Reis, Mantou und sonstiges Gemüse oder Fleisch. Seit knapp einen Monat ess‘ ich nun Cornflakes zum Frühstück, was diese auch wissen. Aber trotzdem bleiben immer ein oder zwei Eier am Tisch stehen, die wohl für mich zu sein scheinen. Zumindest weist mich mein Gastvater immer morgens, wenn er aus dem Haus geht mit einem schlichten Jidan (Ei) und einem Fingerzeig darauf hin, ich solle doch Ei essen. Das ist doch so lecker! (Das sagte er nicht wörtlich, aber er hat es mit den Augen gesagt!) Aus Pflichtgefühl, weil es extra für mich gemacht wurde, aß ich dann oft eins davon). Die Oma dann aber genauso. Sie schien es nicht zu verstehn, wieso man zum Frühstück nur diese gelben, Plättchen mit Milch essen kann, wenn auf dem Tisch so viele andere Dinge und vor allem Ei stehen! Um es dem armen Ausländer begreiflich zu machen, was er für einen Unsinn mache, wies sie mich auch mehrmals auf die anderen Gerichte des Tisches hin. Vor allem aber wieder auf das Ei. Oh Mann, was wollen die alle von mir ^^.
Mittlerweile ist diese Phase zum Glück vorbei und ich finde keine Reste mehr auf dem Tisch.
Für’s Ende noch ein kleines Schmankerl:
Ihr kennt alle den Mobilfunkprovider O2 ? O2 can do - und so weiter. Ich weiß zumindest jetzt schon, dass die mit diesem Namen niemals in China Fuß fassen können. Denn in ungefähr gleicher Aussprache gibt es folgende Zeichen: 呕吐 , was nichts anderes heißt als „Erbrechen; sich zu übergeben“ ^^.
stefanreiss am 17. Oktober 09
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